Der Sandaal

Welchen Schaden Schlampigkeit und fehlende Fremdsprachenkenntnis anrichten kann, zeigt das tragische Schicksal der Sandaale. Dem verhältnismäßig ruhigen Leben, das die Amnodytoidea aus der Überklasse Fische über mehrere Jahrmillionen bei uns führten, wurde ungefähr zu Beginn der christlichen Zeitrechnung ein abruptes Ende gesetzt. Die Römer marschierten den Rhein entlang in die späteren Provinzen Belgica und Germania Inferior ein. An der Nordsee stießen sie nicht nur auf den erbitterten Widerstand der Einheimischen, sondern auch in den Lebensraum des Sandaals vor. Einzig vom gelegentlichen Appetit der die Küsten bewohnenden Bataver und Friesen behelligt, gingen die aalähnlichen Raubfische wie gewohnt bei Flut auf Jagd und vergruben sich bei Ebbe im Sand. Die Natur befand sich im Gleichgewicht.
Gerade angekommen, stellten die römischen Legionäre fest, dass ihr Schuhwerk durch den langen Anmarsch arg in Mitleidenschaft gezogen und generell für die feuchten, nördliche Region ungeeignet war. Sie schickten ihren Zeugmeister zum nächsten germanischen Händler, wo es dann zu dem für die Sandaale verhängnisvollen Missverständnis kam: Der Römer verlangte mehrmals "Sandalen". Der Germane zuckte immer wieder nur mit den Achseln. Diese Geste, die entweder für Misstrauen, Begriffsstutzigkeit oder Harthörigkeit stand, erregte den Fernreisenden im Auftrag des Kaisers derart, dass er mit einem fuchtelndem Zeigefinger auf seine schlecht beschuhten Füße deutete und brüllte: "Sandale, Mann, Sandale, Sandaaale! Und zwar für den Anfang mal MMMCD Paar, capito!" Jetzt stürzte die Sprachbarriere in sich zusammen und eine beispiellose Jagd auf die Sandaale begann. Bald tauschten alle Legionäre, kaum dass sie die Alpen hinter sich hatten, ihre mediterranen Treter gegen Sandaale aus. Auch wenn diese nach mehrmonatigem Gebrauch an Geruch zunahmen, der praktische Wert der wasserabweisenden Außenhaut überwog in den Sümpfen Germaniens dieses kleine Manko bei weitem. Die Römer gingen, schlechte Aussprache, mangelnde Bildung und zu seltener Zahnarztbesuch blieben, was dazu führte, dass sich der Irrtum auch die folgenden Jahrhunderte hielt.
Erst als zu Beginn der Neuzeit in den entstehenden Manufakturen Europas Stiefeletten, Moonboots und Hüttenschuhe hergestellt wurden, sah der Sandaal wieder bessere Zeiten. Einen kleinen Rückschlag erlitt der Fischbestand ohne Bauchflosse während der sogenannten Öko-Bewegung, als Gesundheitslatschen aus Naturmaterialien besonders gefragt waren. Dieser Mode und deren herausragenden politischen Führern konnte nach kürzester Zeit Torheit bewiesen werden und somit erfreut sich der Sandaal heute wieder eines ruhigen Lebens zwischen Ebbe und Flut.