Der Flötenwürger

"Nein, unsere Sarah hat heute Nachmittag leider keine Zeit, sie muss zum Flöten." Was sich früher einfach nur bescheuert anhörte, birgt inzwischen auch die Gefahr, dass Sarah und ihre LeidensgenossInnen ohne Blockflöte zurückkehren könnten. Aus heiterem Himmel stoßen krähenähnliche Vögel herab, packen die Flöte und würgen diese noch im Abflug in sich rein: Der Flötenwürger auf Beutezug. Vielfach trifft die Kreatur jedoch keine Schuld. Der Vogel dient nur als Ausrede, wenn das verhasste Instrument von den kleinen Zwangsmusikern schnell über Hecken geworfen oder in am Wegesrand stehende Mülltonnen entsorgt wird. Dennoch, der Flötenwürger hat seinen schlechten Ruf als Kulturschädling weg. Kulturfolger wäre hingegen die korrekte Bezeichnung. Das Tier tritt nämlich überall dort in Erscheinung, wo vermehrt kultivierte Haushalte ihren Nachwuchs zum Flötenspiel anhalten bzw. selbst zu diesem Instrument greifen. Der Flötenwürger ist ein Zuwanderer. Er wurde im Gepäck australischer Bildungsreisender eingeschleppt, die in den vergangenen Jahren immer zahlreicher das Münchner Oktoberfest besuchten. Von der bayrischen Landeshauptstadt aus besiedelte der Vogel weite Teile Mitteleuropas. Er fand mit einer üppigen Flötendichte bessere Bedingungen vor, als auf dem heimatlichen Fünften Kontinent. Einziger natürlicher Feind ist der Musiklehrer, welcher dem Flötenwürger in der freien Wildbahn jedoch meist unterliegt. Zu den Jagdrevieren des Flötenwürgers gehören neben Sing- und Musikschulen Musikalienhandlungen und Musikparaden. Die Flöte ist für den Flötenwürger nicht nur Nahrung, sondern dient ihm auch als Lockmittel. Das anverdaute Instrument wird wieder herausgewürgt und Insekten als Nistplatz angeboten, welche dann den Speisezettel erweitern.
Verwandte Arten: Im Gefolge von zurückkehrenden Rucksacktouristen aus dem südamerikanischen Hochland kam der Panflötenwürger zu uns. Fehlende Panflötenbestände lassen nur eine geringe Population in europäischen Breiten zu. Mit viel Glück kann der Panflötenwürger in völkerkundlichen Sammlungen oder in Fußgängerzonen beobachtet werden, wenn er in der Nähe von musizierenden Indios auf Beute lauert.
Fast ausgestorben und vergessen ist der heimische Querflötenwürger. Obwohl er ein äußerst geschickter Jäger ist, wurde ihm die Angewohnheit, seine Beute sofort herunterzuwürgen, sowie die moderne Architektur zum Verhängnis. Einst konnte der Querflötenwürger nach gelungenen Raubzügen die Schlösser, Lustschlösschen oder Musikzimmer durch riesige Fenster oder weit geöffnete Flügeltüren verlassen, heutzutage aber versperren ihm und seinem quergefüllten Halssack zu schmale oder nur gekippte Fenster den Rückweg. Doch der Bund für Vogelschutz und der Fränkische Blaskapellenverband haben sich zu einem beispielgebenden Gemeinschaftsprojekt zusammengeschlossen. Durch zusätzliche Musikumzüge soll das Nahrungsangebot für den Querflötenwürger verbessert und somit dessen Bestand gesichert werden.
Weitere Vögel, welche in der gleichen ökologischen Nische unterwegs sind: Geigenhäher, Bratschenuhu, Cellospecht.