Die Schellente

englisch: the shell-duck, eigentl. Shell-Ente, eingedeutscht: Schellente

Ziehende Vögel tauchen am Himmel auf. Schon regnet es Rohöltropfen und -klümpchen. Das Vergnügen am Spaziergang, an der Radpartie oder Autofahrt wird kurz getrübt. Der Naturfreund jedoch weiß, jetzt ist es September bis November, März oder April, die Schellenten befinden sich auf Wanderschaft. Da Schellenten Jahr für Jahr präzise die selben Routen fliegen, sind überall dort, wo sie in größeren Schwärmen auftauchen, kleine geteerte Nebenstraßen aus dem Nichts entstanden. Sehr zur Freude vieler skandinavischer oder nordamerikanischer Einödhofbewohner, die gerne ihre Forst- und Wirtschaftswege sowie Stichstraßen nach der Vogelfluglinie ausrichten. Damit erklärt sich auch, warum in der Heimat der Schellenten, dem dünnbesiedelten Norden der Alten wie Neuen Welt, die meisten befestigten Weg von Nord nach Süd oder umgekehrt verlaufen. Dank ihres besonders saug- und widerstandsfähigen Gefieders leistet die Schellente unglaubliche Dienste beim Beseitigen von Ölrückständen nach Tankerhavarien, Zusammenstößen von Rostlauben zur hohen See oder bei Sondereinsätzen auf mexikanischen Ballnächten. Einmal entdeckt, wie nützlich diese zu den Meerenten zählenden Vögel sind, werden sie von der petrochemischen Industrie eigens zum Zweck der Küstenreinigung gezüchtet. Zu Recht laufen Tierschützer Sturm gegen diese Massenzucht. Schließlich darf nicht eine unserer Kreaturen für die Beseitigung der Fehler und Versäumnisse des Menschen missbraucht werden.
Der Schutz der Schellente tut Not, denn sie kann nicht nur bei der Entsorgung von wellengeschaukelten Ölteppichen oder bei der Säuberung ölverpesteter Küstenstreifen verwendet werden. Es besteht auch umgekehrt die Möglichkeit der Rückgewinnung des kostbaren Rohstoffs aus dem verklebten Federkleid der Baumhöhlenbrüter. Die berüchtigten röhrenknochenbrechenden Schellentenpressen werden mittlerweile zwar in den meisten Ländern geächtet und auch vom direkten Einfüllen gefangener Schellenten in den Tank, was schon manchen modernen Motor zum Explodieren gebracht hat, unterbleibt aus diesem Grund immer häufiger. Dennoch, in Regionen, wo noch robuste Verbrennungsmaschinen unterwegs sind, gilt der Schellententreibstoff weiterhin als preiswerte Alternative. Den Entenfängern kommt entgegen, dass die vollgesogenen Schellenten ein Zwei- bis Dreifaches ihres Körpergewichtes mit sich in die Lüfte erheben müssen. Kraftraubend und langwierig ist der Start, manche Tiere gewinnen nicht schnell genug an Höhe und kollidieren als Folge mit Bäumen, Felsenküsten oder extra aufgestellten Fangnetzen. Geradezu spektakulär waren die Versuche von Schurkenstaaten, mit Hilfe wahrer Schellentengeschwader auferlegte Erdölembargos zu umgehen. Bei der zahlreich auftretenden Kreatur der Schellente geht es also nicht darum, den Bestand zu sichern, sondern den Missbrauch durch den Menschen von der Kreatur abzuwenden.