Der Kletterfisch

Wer sich jemals ab Spätsommer in den Alpen zu einer Rast an einem Gebirgsflüßchen niederließ oder seinen Rucksack abstellte, der kennt sie bestimmt, die Kletterfische. Denn kaum hat sich der Wandersmann versehen, trägt er einen oder mehrere Begleiter mit sich. Von Slowenien bis ins französische Jura hängen sich die Kletterfische an Wanderrucksäcke, karierte Hemden und Kniestrümpfe, um sich bergauf befördern zu lassen. Wie sein ostindischer Verwandter Anabas scadens, der dank seiner scharfen Flossen auf Palmen steigen kann, hat der Anabas alpes diese Fähigkeit entwickelt, um hunderte von Höhenmetern zurückzulegen. Mittels eines Hilfsapparates in der Kiemenhöhle vermag er auch atmosphärische Luft zu atmen. Dass sich die Kletterfische auf ihren Wanderungen anderer Kreaturen bedienen, war nicht immer so. In wenigen, entlegenen Seitentälern, die noch nicht von der Masse Mensch heimgesucht werden, machen sich die Fische weiterhin auf ihre Flossen, um alljährlich in höhere Regionen vorzustoßen. Im Verlauf der Zeit entwickelten die Kletterfische die Fähigkeit, sich mit den Stacheln ihrer Flossen im Fell von Gams, Wildziege oder Bär festzuhaken, welche die Wasserstellen im Tal besuchten. Nicht alle gewählten Tiere schlugen den Weg zu den oberen Wasserläufen ein, andere fanden Geschmack an den Anhängseln und fraßen diese auf. Ziel der Züge sind die Laichplätze nahe den Gebirgsbachquellen. Dort versammeln sich im Herbst die Kletterfische zur Eiablage und Befruchtung und scheiden dann zum Teil wegen Entkräftung oder Altersschwäche dahin.
Die überlebenden Exemplare wie die Brut verharren den Winter über in einer Kältestarre bis das Frühjahr der Bergwelt wieder neues Leben einhaucht. Erst das Auftauchen des Menschen und seiner Haustiere erleichterte den Kletterfischen, wenn auch anfangs nur etappenweise, den Aufstieg. Die ziehenden jungen und die alten, knorrigen Kletterfische begegneten dem frohen Glockengebimmel der Kuh- und Schafherden. Aus diesem Aufeinandertreffen wurde manche wunderschöne alpenländische Tierfabel geboren. Auch in Bergsteigeranekdoten tauchen die Kletterfische auf, als Ernährung in der Not oder wundersame Johannisfeuerfackel. Der Seilschaft Friedl Sack und Awe Effinger - letzter bekannt als legendärer Solobesteiger der Obstler-Gruppe - wäre ihre Tour über den Hosentürlquergang beinahe zum Verhängnis geraten. Doch mit vier besonders großen, gefrorenen Kletterfischexemplaren an den Füßen rutschten sie Richtung Tal und in Sicherheit. Die Kletterfische sind die Profiteure des Ausflugsverhaltens der Menschen. Explosionsartig nahmen ihre Bestände durch die Erleichterungen zu, welche ihnen der alpine Tourismus als Beförderungsmittel bot. Seit in den vergangenen Jahren vermehrt Jungtiere in der Winterstarre die Zuleitungen von Schneekanonen verstopften, können sich selbst Tierschützer nicht mehr dagegen wehren, dass gelegentlich regulierend zu Gunsten einer zünftigen Hüttenbrotzeit oder der Souvenierartikelbranche eingegriffen wird.