Die Schienenechse

Die Echsen der Familie Teiidae sind konsequent dem Menschen in den Fortschritt gefolgt. Wie der Name erahnen lässt, haben sie sich nach Jahrmillionen des Sonnenbadens auf Felsvorsprüngen und Versteckens in Mauerritzen die Transportwege als neuen Lebensraum erschlossen. Die Schienenechsen bevölkern ausschließlich die Neue Welt und deren Bahntrassen. 45 Gattungen mit 200 Arten tummeln sich zwischen den USA und Chile auf den Gleiskörpern des amerikanischen Kontinents. Die nur 8 cm messenden Märklinechsen sitzen neben den mit 1,4 m über beide Schienen reichenden Großtejus. Auf die nicht ungefährlich lebenden Tiere geht auch die Legende zurück, Echsen würden, wenn Gefahr droht, sich ihres Schwanzes entledigen. Der Eisenbahnbau in Nordamerika gegen Ende des 19. Jahrhunderts eröffnete den Schienenechsen einen schier unbegrenzten Lebensraum. Unzählige der Kreaturen übersiedelten von den schmalen Trapperpfaden und den staubigen Routen der Siedlertrecks auf den Schienenstrang. Dieser lockte sowohl als Sonnenplätzchen wie als reichgedeckte Tafel. Neben frisch Um- und Plattgefahrenem bereicherten die Larven der Gleiskörperfliege, der Schwellenkäfer oder Gelege der Weichenhühner die Speisekarte.
Die explosionsartige Zuwanderung von Echsen auf die Schienenwege sorgte in den nordamerikanischen Ebenen für ein Kreatursterben, welches das gleichzeitig stattfindende Bison-Massaker weit in den Schatten stellte. Gefährlich wurde es auch für den Menschen. Besonders im Hochgebirge Südamerikas war der Reisende manchem Abenteuer, ausgelöst durch Schienenechsen, ausgesetzt. Oft genug drehten kurz vor Erreichen des höchsten Streckenpunktes die Räder der Lok auf einer vielköpfigen Schienenechsenherde durch und der ganze Zug raste in dramatischer Rückwärtsfahrt wieder zu Tal. Nicht nur Personenzüge waren betroffen. Güterzüge, schwer beladen mit Erzen oder anderen Bodenschätzen, mit Bananen und peruanischen Strickmützen, schossen über ihre Zielbahnhöfe hinaus, weil in Scharen herumlungernde Schienenechsen den Bremsweg auf unappetitliche Weise verlängerten. Etwa 1923, in der Hafenstadt Uñas Bajas, Kolumbien, als ein aus den Bergen kommender Zug sich in ein vor Anker liegendes Frachtschiff bohrte und samt diesem und einem Großteil der Waggons im Hafenbecken versank. Doch das sind Probleme von gestern. Ein erhöhtes Verkehrsaufkommen sorgt inzwischen für eine Regulierung des Bestandes. Auf vielbefahrenen Bahnlinien gelten die Kreaturen als stark gefährdet. Auf Nebenstrecken können die Schienenechsen jedoch ein biblisches Alter von einem halben Jahr erreichen. Seltsamerweise sind sie auf stillgelegten Bahnstrecken nur vereinzelt anzutreffen. Echsenforscher haben herausgefunden, dass für viele Arten Maden zum wichtigen Bestandteil der Ernährung gehören. Diese reifen gerne in Exkrementen heran, welche aus den Klappen der Zugtoiletten auf die Gleise fallen. Sehr, sehr selten sind Schienenechsen im Gleisbereich der städtischen Trambahnen zu beobachten. Meist handelt es sich dabei um aus Tiergärten entwichene oder von privaten Haltern freigelassene Exemplare.