Der Glühkohlenfisch

Die ursprüngliche Heimat des Glühkohlenfisches ist die Umgebung unterseeischer Vulkane und die Korallenbänke nahe nach geologischer Zeitrechnung frisch an die Wasseroberfläche gespuckter Inseln. Von der modernen Hochseefischerei und deren rüden Fangmethoden in andere Gewässer verschleppt, wo er dann kaum gehalten von Netzen und morschen Schiffswänden durchbrennen konnte, breitete sich der Glühkohlenfisch langsam über die Weltmeere aus. Einst nur bei lokalen Naturreligionen im polynesischen Raum bekannt - Spazierengehen auf einem frischen Fang Glühkohlenfische war fester Bestandteil der Vorbereitungen auf größere Tanzabende -, gelangte die Kreatur erstmals in unser Blickfeld zur Zeit der großen wirtschaftlichen Depression Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Weltmeere waren noch nicht überfischt und Meeresgetier war nicht nur als Speise billig. Kein seltenes Bild in nordamerikanischen Metropolen entlang der Küste zeigte Männer mit abgeschnittenen Handschuhen und hochgerollten Mützen, die sich auf offener Straße um alte Teerfässer sammelten, in denen ein Feuer loderte, geschürt mit Abfallholz und Glühkohlenfischen.
Auch bei uns, während der Heizmittelknappheit der Nachkriegszeit, kam der Glühkohlenfisch zum Einsatz. In Küstennähe wurde mit ihm manche gute Stube gewärmt. Volksbeheizung im großen Stil war jedoch nicht möglich, da sich bei längerer Lagerung ein unangenehmer Geruch auf den Halden bzw. in den Kellerräumen ausbreitete. Als die Personenkraftwagen immer komfortabler gestaltet vom Band liefen, wurden Glühkohlenfische als Zigarettenanzünder verwendet. Obwohl geruchsversiegelt, lag die Zukunft der Kreatur jedoch nicht in der Automobilbranche. Zu viel Platz nahm sie zwischen Armaturenbrett und Handschuhfach ein. 1957, Roscoe Slivowic aus Toledo, Ohio, glaubte, der Einfall seines Lebens hätte ihn schlagartige über die Masse der restlichen Menscheit erhoben, als er in der dortigen Leihbücherei in dem Magazin ‘Fishing & Farting’ blätterte. Barbecue, eine uralte amerikanische Tradition, ohne die eine untere Mittelschicht bis hin zur mittleren Oberschicht in der Neuen Welt nicht möglich wäre, sollte durch eine simple wie bahnbrechende Idee revolutioniert werden: Glühkohlenfische - Brennmaterial und Nahrung zugleich. Doch im damaligen Mittleren Westen galt Ernährungsbewußtsein rein gar nichts und verkokelter Glühkohlenfisch traf nicht im Entferntesten den Geschmack der fröhlichen Grillrunden. Roscoe wurde angeraten, er solle sich sein stinkendes Katzenfutter möglichst schnell dorthin schieben, wo es am dunkelsten sei, ehe mit einer Eisenbahnschiene nachgeholfen würde. Dennoch wurde und wird mit dem Glühkohlenfisch weiterexperimentiert. Seiner Verwendung im Saunabereich hielten spätestens nach dem ersten Aufguss nur die stärksten Finnen stand. Und in der Baustellenabsicherung waren die Tiere ausschließlich in der Übergangszeit gefragt, als die Petroleumlampen von elektrischen Signalleuchten abgelöst wurden. Jetzt ist Fisch teuer und immer seltener. Deshalb befindet sich auch der Glühkohlenfisch gerade auf dem Sprung zur relativen Exklusivität: Trendheischende Doppelhausvorstädter verwenden ihn allzu gerne bei der Illumination ihrer Gartenpartys.