Das Ausrufezeichen

Agrotis exclamationis, auch Ausrufezeichen genannt, ist von Mitte Mai bis Anfang August zur Luft unterwegs, wobei es immer noch gern einen großen Bogen um Klostermauern macht. Denn bis zur Erfindung und Verbreitung der Buchdruckkunst im 15. Jahrhundert wurde dort dem Leben des Falters regelmäßig und geräuschvoll ein Ende gesetzt. Und so begann es: Mehrere Reihen mittig rasierter Köpfe beugen sich eifrig und gehorsam über die Pulte. Buchstabe für Buchstabe werden die Schriften in der Bibliothek des Kloster Montepulciano kopiert. Es läutet die Glocke ins Refektorium. Ein junger Mönch lehnt sich zurück, richtet den Blick nach oben, um Gott für die Pause zu danken. Sein Rücken schmerzt und das Knurren des Bauches hat die vergangene Stunde über lautstark gegen die Konzentration der Mitbrüder angekämpft. Während sich der junge Mönch streckt, flattert vom klösterlichen Kräutergarten, gerade der Puppe entschlüpft und noch etwas orientierungslos, ein unscheinbarer, bräunlicher Falter in die Bibliothek. Seinen ersten und letzten Rastplatz wählt er, nicht wissend, dass diese Unbekümmertheit in wenigen Momenten das Schicksal seiner Artgenossen der kommenden 400 Generationen besiegeln wird, hinter dem Ausruf ‘Horcht Gemeinde’, welchen der junge Mönch soeben niedergeschrieben hat. Ohne den Blick von der Decke zu nehmen, schlägt der hungrige Bruder übermütig das vor ihm liegende Buch zu.
Offiziell wurde das Ausrufezeichen unter Papst Gelasius II (1118-19) eingeführt und die Stille in den Schreibräumen von da an immer wieder durch das Zusammenknallen schwerer Buchdeckeln unterbrochen. Anfangs harrten die Mönche in frommem Gebet der Landung eines Ausrufezeichens. Doch bald riss auch der gläubigste Geduldsfaden. Deshalb ging man dazu über, gefangene oder gezüchtete Exemplare im Kloster freizulassen. Diese Kreaturen wurden dann mit Hilfe eines winzigen Nektarköders an die Stelle ihrer Bestimmung gelockt. Bewußte und unbewußte Versuche mit anderen Insekten misslangen. Einzig das Ausrufezeichen verfügte über die nötige Festigkeit, Haltbarkeit und Klebrigkeit. Darüber hinaus glückte es bei keinem anderen Kerbtier, durch Buchzuschlagen oder Draufhauen, so einfach und sauber den Kopf vom Körper zu trennen, was für ein einwandfreies Eklamationszeichen mehr als die halbe Miete ausmacht. Selbstverständlich war auch eine gewisse Meisterschaft nötig, vor allem wenn es darum ging, das Ausrufezeichen nicht nur in der richtigen Zeile, sondern auch exakt senkrecht mit dem Punkt nach unten zu verewigen. Dies gelang nur durch schnelles Drehen und fast gleichzeitiges Zuschlagen des Folianten. Manche italienische Klöster gingen sogar dazu über, Pizzabäcker aus den umliegenden Orten für diese Aufgabe anzustellen. Heute beruht die Verwendung eines Ausrufezeichens meist auf Zufall. Gelegentlich werden sie noch von Pädagogen gesetzt, um ein Axiom oder ähnlich Unumstößliches hervorzuheben. Doch die Fertigkeit, ein lebendiges Ausrufezeichen durch schnelles Zuklappen der Seitentafel hinter dem Lehrstoff zu befestigen, wird bei unseren Lehrkräften immer seltener. In der Kunst fand die Kreatur bei den sogenannten Exklamisten ihren Platz auf der Leinwand.