"Wir sind Perfektionisten auf dem Weg, der Welt eine Erklärung zu geben." Ein beiläufiger Satz, gesprochen ohne Euphorie, nüchtern wie das leere weiße Blatt auf dem Tisch vor Heinz H. Er greift zu dem Schwenkarm, an dessen Ende ein Filzstift befestigt ist. Mit der anderen Hand stößt er das kleine, nur von vier dünnen Schnüren gehaltene Brett an, auf dem das Papier liegt. Die Unterlage schwingt, gehaltenen von einem Metallgalgen, hin und her. Jetzt kommt der Augenblick, den einzig ein wahrer Meister beherrscht: Heinz H. senkt langsam den Arm der Apparatur über das schlingernde Brett. Die Spitze des Stifts ist nur mehr wenige Millimeter vom Papier entfernt. Ein kurzes Blitzen im Auge des Spirographen und die Farbspitze berührt das Blatt, ohne dessen Bewegung zu beeinflussen. Die ersten Linien in Form einer unsymetrischen Acht entstehen, werden auf der einen Seite enger, dehnen sich am anderen Ende aus. Konzentriert folgt der Spirograph Heinz H. den entstehenden Schleifen und Ellipsen ehe er sich mit langsam entspannender Miene zurücklehnt. Für die nächsten zwei, drei Minuten überlässt er sein spirographisches Gerät sich selbst. Zeit für einen Gedanken: "Was glauben Sie, was da in der Luft liegt, wenn bei einem unserer Treffen zehn, zwanzig, fünfzig Menschen gleichzeitig an ihren Apparaten sitzen. Das ist Power pur. Denken Sie mal, es wären noch mehr. Die spirographische Meditationslehre könnte die Welt retten." Wirklich, die Vorstellung, tausende von Spirographen gingen zur gleichen Zeit ihrem Handwerk nach, birgt Beeindruckendes.
Aber hat die Welt am Abgrund wirklich darauf gewartet? Wir unterscheiden zwei großen Spirographenschulen: die mit dem Urteil der Kleingeistigkeit belegten Zahnradspirographen und die gewaltigen, wenn auch zahlenmäßig sich weit in der Minderheit befindlichen Pendelspirographen. Heinz H. ist hoher Meister der Pendelfraktion. Er ist nicht alleine in dem abgedunkelten Hinterzimmer. Der verschlossene ehemalige Psychiater Dr. Grotto und Peter F., der Vorsitzende der Süddeutschen Jungspirographen, sehen ihm über die Schulter. Letzterer weiß, die Spirographen hatten nicht immer den besten Ruf: "Denken wir nur an den berühmt berüchtigten Hakubartl, Hofspirograph von Stanislas dem Übernächtigten." Der böhmische Adelige ließ sich im ausgehenden Mittelalter aus den spirographischen Werken die Zukunft lesen und verschrieb dafür seine Seele und die Unschuld seines Gesindes dem Finsterspiro. Nicht nur dunkle Kapitel der Vergangenheit rücken die Spirographen in schlechtes Licht. Auch gegen phonetische Ähnlichkeiten muss angekämpft werden. "Geh, lassen s’ mir doch meine Ruh’ mit diesen Spiritisten" hören Heinz H. und seine Mitpendler immer wieder mit Volkes Stimme. Doch sie sind keine weltabgewandten Sektierer. Kontakte rund um den Erdball sind geknüpft, schon wird das Treffen zur Konstituierung des 1. Spirographischen Weltverbandes vorbereitet. Die edlen spanischen Spirografistas, die australischen Vertreter, welche sich salopp Spiros (gesprochen: Speiros) nennen, die eleganten Spirografiseure aus Frankreich oder die sehr überzeugende Gemeinde der finnischen Spüürogryvüstäs – alle sollen zusammen kommen. Dem Weltverband will auch Inge Sch. Vom Spirographischen Frauenbund angehören. "Am Anfang war ich skeptisch, sehr skeptisch, doch bald merkte ich, die Jungs haben es wirklich drauf. Manche von ihnen sind absolute Profis. Da stimmt jeder Handgriff", schwärmt sie. Ein neues Blatt ist eingelegt. Heinz H. holt kurz spannungsgeladene Luft. Die anderen Sufis der spirographischen Kunst verstummen. Ein korrekter Start im richtigen Winkel, das Anschubsen im entsprechenden Augenblick, die lange Konzentrationsphase dazwischen und das perfekte Beenden ohne dass die Stiftspitze auch nur einen Moment zu lange das Papier berührt. Die unsichtbare, elektrische Kraft springt auf den Betrachter über. Ein neues Zeitalter kann beginnen.